„Welcome to Reality“ oder Ausbildung zum Trainer-C auf dem Gestüt Goting Cliff
Welcome to Reality 1
Wir schreiben das Jahr 2003, es ist November, es ist kalt, und wir befinden uns in Wagenhoff auf der Anlage von Peter Kreinberg und Edith Schreiber-Kreinberg.
Wir, das ist der Trupp, der sich der Herausforderung „Trainerschein“ mehr oder weniger freiwillig stellen wollte.
Dann sind da noch Marina Perner und ihr Hund Nasemann; hierbei handelt es sich, na klar, um die Trainerin und ihren wirklich immer wieder zur allgemeinen Belustigung beitragenden Aussie. Gut, dass wir beide hatten !
Der Lehrgang begann mit der Frage des „Warum macht ihr den Kurs“ oder „Was ist eure Intention“? Die Antworten waren recht unterschiedlich, angefangen von „Ich will gar nicht, ich werde gezwungen“ bis „Ich möchte mich wirklich weiterbilden, um später einen guten Job zu machen“. Es war ein wirklich interessantes Gemisch aus Beweggründen und Teilnehmern; an dieser Stelle sei erwähnt, dass sich die Gruppe und deren Dynamik förmlich zu einer Supercrew entwickelte. Ganz ehrlich: es war genial oder besser gesagt „Wir waren ein fantastisches Team“! Danke für eure Loyalität und Kooperation.
Marina's Aufgabe war es nun, uns mit den ganzen Anforderungen eines solchen Kurses vertraut zu machen. Gesagt, getan! Man könnte es auch so formulieren: Man nehme ein Puzzle mit nur grünen Steinen und setze es der Reihenfolge nach zusammen. Unsere Tage begannen mit dem Erlernen sämtlicher theoretischer Grundlagen, angefangen bei der Wissensstandsüberprüfung der Reitabzeichen-Theorie, weiterführend über ATP, Superkompensation, Unterrichtsplanung bis hin zu praktischen Unterrrichtserteilung, ich könnte die Liste endlos weiterführen. Auch bei diesem Lehrgang blieb die Tatsache bestehen, dass Pferde noch immer kein Schlüsselbein haben und man Giftpflanzen nie aus dem Gedächtnis verbannen sollte.
Die Lage war ernst: Nasemann (der Hund) sorgte, Gott sei es gedankt, immer wieder für spontane, belustigende Einlagen. Durch diverse Apportiervorführungen (Handys, Hausschuhe, Schlüp…, aber das bleibt wohl besser unerwähnt) kam so dann und wann auch ein Spaßfaktor zu Tage.
Ach ja, ein anderes Highlight: Marinas Begeisterung für David Bowie. Zuerst möchte ich erwähnen, dass keiner von uns wirklich Bowie-Fan war; da wir aber jeden Abend und manchmal auch nachts Bowie hören mussten! – ja, wir mussten es wirklich, ich nehme mal an, es gehörte zum Kursplan – haben wir uns daran gewöhnt. Ehrlich gesagt, habe ich schon daran gedacht, mir mal 'ne Bowie-CD zu kaufen. Inspiration ist alles! Ich schätze, es geht nicht nur mir so, und der liebe David hat von nun an ca.10 Fans mehr. OK, zurück zur Realität…
Am achten Tag war es dann soweit: Marinas Vortrag über Bewegungsausführung begann mit einem Mega-Lachflash ihrerseits. Dieser zog sich wirklich über ca. zehn Minuten hin; das Fatale daran war, dass nach drei Minuten eine Gruppe von insgesamt elf Personen einfach lachte – warum wissen wir alle bis heute nicht, es muss wohl so etwas wie eine erste Ausfall-Erscheinung gewesen sein. Eigentlich war es superwitzig bis zu Marinas Ansage „Back to the Show“ oder „Welcome to Reality“.
Die härteste Herausforderung war, wie von uns allen auch befürchtet, die Unterrichtserteilung.
OK, Hände aus den Taschen, Standort, keine Floskeln wie beispielsweise „würdest du bitte vielleicht ein bisschen“, kein Einzelunterricht, Gruppe im Auge halten und natürlich immer wieder die Sicherheit – das alles angepaart mit guter Organisation und einer ausgetüftelten Unterrichtsplanung.
Relativ schnell lernten wir, wie wichtig der Handwechsel ist („besser spät als gar nicht“, wurde einer der vielen Merksätze), und dann waren da noch die Hengste, die man zunächst nicht aufgrund ihres Verhaltens als solche erkannte, aber in jedem Fall erwähnen sollte.
Reiterlich waren wir nach Aussage der Trainerin in einer unbedenklichen Situation, jedenfalls im Hinblick auf die Prüfung in Trail und Horsemanship – o Gott – hier der Dank an unsere Pferde.
Allerdings war da noch das Gelände! Wer galoppiert schon oft in der Gruppe mit 10 Pferden?
Kein Mensch möchte sein Pferd zu einem Kleber erziehen, Marina ließ nicht mit sich diskutieren, hier wandelte sich der partnerschaftliche Umgang mit uns zur anweisungsorientierten Unterrichtsmethode. „Learning by doing“, quasi. Sie gab uns zwar recht in unseren Argumentationen, aber erwähnte tief und eindringlich, dass dies ein Teil der reiterlichen Prüfung darstellt. O ja !
Wir akzeptierten, was sie sagte, hatten sowieso keine andere Wahl, und los ging es ins Gelände. Das Wetter war gut , der Trab gemeinsam paarweise nahezu genial, aber dann kam, was kommen musste – der Galopp!
Natürlich konnten wir problemlos einzeln von der Gruppe weg galoppieren, aber dann der fatale Fehler: Die Aufgabenstellung: ha! ganz leicht – hintereinander und dann auch noch paarweise in der Gruppe galoppieren, ja – wir hatten es befürchtet, und so kam es! Ich zitiere hier nur ein paar von Marinas Kommentaren:
Was macht ihr da? Wo reitet ihr denn hin? Wo ist euer Nachbar – und überhaupt, die Abstände!
Es ist nicht so, als ob es für Marina hiermit getan war, nein, sie sagte uns was, wo und wie zu tun sei und betonte, wir sollten doch in unserer Freizeit noch mal ins Gelände gehen und immer wieder üben; …bitte, wann? Und was ist mit den Lehrproben? Diese mussten doch auch noch angefertigt werden.
Ach Gott, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, ich möchte doch so gerne bei einem Glas Wein sitzen – Bowie hören und nicht die fünfte Lehrprobe bearbeiten.
Wie auch immer, wir lernten auf diesem Weg, flexibel zu sein. Die fünfte Lehrprobe wurde geschrieben. Svea, die alles, was sie weiß, auf kleine gelbe Kärtchen schreibt (oder war es das, was sie nicht weiß, egal, denn am Schluss wusste sie alles – auch, dass Informationen über Auge, Ohren und Nase? aufgenommen werden. Dann war da noch Alex, der drei Tage vor der Prüfung feststellte: „Ich habe gar kein Pferd!“ Aber auch das Problem wurde Dank Barbaras Hilfe gelöst.
Unsere Gruppe, ich erwähne es nochmals, war perfekt. Wir waren super vorbereitet, die Lehrproben waren abgegeben, die Klausur geschrieben, und an Motivation fehlte es auch nicht.
Der Prüfungstag kam, jedes Zweifeln wurde mit dem mittlerweile zum „Standardspruch“gewordenen „Mut zur Lücke“ bewältigt.
Die Prüfung verlief anders, als erwartet. Da einer der Richter eine Autopanne hatte, wurde das Konzept mal eben umorganisiert. Macht nichts, wir sind flexibel und haben unser Bestes gegeben. Mit Erfolg, wir alle haben bestanden (Hurra, Hurra !)
Fazit der Prüfung:
Die theoretische Prüfung war einfach klasse, die Unterrichtserteilung hart, aber herzlich, das Reiten (wie es Marina schon prophezeit hatte) stellte nicht wirklich ein Problem dar.
Ach ja, unser Geländeritt – einfach super, es klappte, wie im Lehrbuch beschrieben.
Alles war perfekt, die Richter werden uns als freundlich und kompetent in Erinnerung bleiben, allen vorangegangenen Ängsten zum Trotz.
Wir sind stolz, stolz es mit Hilfe aller Beteiligten geschafft zu haben. Es war ein langer mühevoller, aber wirklich lehrreicher Kurs, welcher mit Sekt, Rotwein und natürlich, wie könnte ich es vergessen, „Bowie“ abgeschlossen wurde.
Im Namen aller Teilnehmer geht unser Dank auch an all die netten Menschen auf dem Gestüt Goting Cliff die bisher unerwähnt sind.
- Milena, Catering für unsere vierbeinigen Partner
- Malte, Lehrer für Energiebereitstellung etc.
- Stephan, Verwalter der gelben Kärtchen von Svea (oder von uns allen?)
Ganz besonderen, nein: ganz großen herzlichen Dank natürlich an Edith und Pete Kreinberg, die ihre tolle Anlage zu Verfügung gestellt haben und immer in allen Belangen für uns da waren. Dabei fällt mir ein, habe ich schon von meinem Traum erzählt?
Man stelle sich vor: Ich „Anki“ in der Reithalle, Marina und Pete im Duett lehren mich den Galoppwechsel. Hat geklappt – ha-ha ! –, aber es war leider nur ein Traum.
Zu guter Letzt bleibt da noch die Trainerin, Marina Perner, ohne die wir das straffe Pensum, welches an einen Trainer-C gestellt wird, vielleicht gar nicht, aber garantiert nicht mit dieser Art Motivation geschafft hätten. – Super – Spitze – Gut –
Der Kurs war rundherum gelungen, und wir denken schon jetzt, es ist kaum zu glauben, an ein Wiedersehen im Jahr 2005 zur „Reality Tour II“, Trainer-B-Lehrgang auf dem Gestüt Goting Cliff mit gleicher Crew und Besatzung!
(Geschrieben im Dezember 2003 von Annkatrin Kühl)
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